Wie es wirklich war: Am Beispiel

Gerhard Storck war damals der Direktor der Krefelder Kunstmuseen. 1992 hatte ich dort als Volontärin angefangen und begonnen, mich mit der aktuellen Kunstszene vertraut zu machen. Eines Tages fragte ich meinen Chef, wie er denn über Martin Kippenberger denke. Zu meiner Verblüffung erhielt ich eine knappe, abweisende Geste: Das sei doch gar kein Künstler, sondern ein Schriftsteller. Ich nahm also keinen Kontakt zu dieser vermeintlich gattungsfremden Persönlichkeit auf, sondern konzentrierte mich auf die vielfältigen Aufgaben und Lehren, die die Krefelder Kunstmuseen mit ihren großartigen Sammlungen und ihrer wegweisenden Ausstellungsgeschichte für mich bereithielten. Doch davon später.

Als 2003 ein Jubiläum anstand, der 50. Geburtstag von Kippenberger, war dieser bereits seit fünf Jahren tot. Vom Beginn der 2000er-Jahre an wurden die ersten retrospektiven Ansätze für posthume Ausstellungen diskutiert, und ich mischte mich ein. Es faszinierte mich, mit den Werken eines Künstlers zu arbeiten, dem ich persönlich nie begegnet war. Ich gehörte noch nicht einmal zum Freundeskreis um Kippenberger. Zum ersten Mal würde ich das Konzept einer Ausstellung ohne Mitwirkung des Künstlers erarbeiten. Und hier begriff ich, dass meine bisherige Methode, als Kuratorin akribisch Informationen und Material zu sammeln, zu analysieren und zu strukturieren, gerade für diesen Fall besonders geeignet war. Oft schon hatte ich erfahren, dass das Sortieren und Ordnen wie von selbst inhaltliche Fragen beantwortet und gute Ideen für konzeptuelle Strukturen liefert. Ich müsste also nur tief genug in die Materie der Kunstwerke und ihrer Geschichte einsteigen, dann würden mir schon die zündenden Ideen für Themen und Formate von Ausstellungen kommen. Beim Studium von Kippenberger fielen mir besonders die seltener gezeigten Werke ins Auge. Deshalb entwickelte ich am Van Abbemuseum in Eindhoven für die Ausstellung Nach Kippenberger aus seinen damals wenig bekannten Architektur- und Konstruktionsmetaphern eine neue Perspektive auf sein Kernthema: das Selbstporträt.

So habe ich immer wieder bei der Beschäftigung mit Kunst und Künstlern glückliche Entdeckungen gemacht, die meine kuratorische Arbeit beflügelten. Ich war nie ein Fan von Theorien oder ideologischen Interpretationen, die von außen herangetragen werden. Vielmehr interessiert mich bis heute das Spezifische an der Kunst und den Künstlern. Meine Äußerungen zur Kunst und meine „kuratorische Praxis“ leite ich von der Künstlerseite her. Denn ich möchte ihre wunderbaren Eigenschaften der Offenheit und Vieldeutigkeit bewahren, um dann anderen die Freude daran zu vermitteln.

Als ich mich für meine neue Website mit dem Thema Blog beschäftigte, stand ich zunächst ratlos da. Was könnte so einen Blog mit den Zielen und Werten meiner Tätigkeit als „Kurator für Künstler“ verbinden? Es sollte nicht um Tagespolitik oder sensationsheischende Polemik gehen; auch den Aspekt des persönlichen Tagebuchs hielt ich für wenig weiterführend. Allerdings interessieren mich an einem Blog seine Authentizität, sein hochspezialisierter Inhalt und die Möglichkeit, über ihn die eigene Integrität zu präsentieren. Wovon könnten sich andere Menschen in der weltweiten Blogosphäre angesprochen fühlen, was ich ihnen zu erzählen vermag? Meinungsmache über aktuelle Ausstellungen oder Tagesskandälchen hier und da sind nicht mein Geschäft, wenngleich ich mich im persönlichen Gespräch gern darüber auslasse. Ich glaube, dass ich aus den Dekaden meiner kuratorischen Tätigkeit eine Menge langfristiger Erfahrungen herleiten kann, von denen ich sukzessive in meinem Blog berichten möchte. Sozusagen eine Art Kuratoren-Schule der Praxis in Fortsetzung. Keine Theorie, sondern stets „am Beispiel“ von.

Und hier fühle ich mich sehr nah dem Künstler, den ich vorhin nannte und dessen 1985 publiziertes Buch Martin Kippenberger. 1984. Wie es wirklich war am Beispiel Knokke in Zukunft wie ein Motto über meinen Blogeinträgen stehen soll. Das ist nicht nur eine Reverenz vor ihm und eine Referenz auf meine Beschäftigung mit ihm, sondern auch eine gewisse Beleihung seiner literarischen Methode. Diedrich Diederichsen hat sehr schön in dem Nachwort zur Lyrik und Prosa von Kippenberger, die er 2007 bei Suhrkamp herausgab, den Einsatz und das Spiel mit literarischen Mitteln beschrieben. Das heißt nun nicht, dass ich „kippenbergern“ möchte, es geht mir nicht um eine Imitation seiner künstlerischen Vorgehensweise. Aber ich leite meine Freiheit aus Haltungen und Äußerungen der Kunst her. Warum nicht einfach frisch von der Leber weg berichten, was bislang meine großen Erlebnisse beim Kuratieren waren? Nicht herumschwafeln und Theorien entwickeln oder diese in Anspruch nehmen, sondern ganz konkret „am Beispiel von“ erzählen. Praktisch argumentieren in einer Zeit, in der das Kuratieren zu einem Diskursfach zu verkommen droht. Vielleicht sagt mal einer über mich, ich sei doch gar keine Kuratorin, sondern eine Ausstellungsmacherin. In der Tat empfinde ich mich als beides. Aber spielt die Gattung denn eine Rolle? Klar war Kippenberger im literarischen Fach unterwegs und hat seinen Anteil dazu geliefert. Aber ist es wesentlich, wie die Bezeichnung dafür lautet? Kippenberger war alles andere als ein Theoretiker in der Kunstszene, doch er hat immer wieder mit ihren Elementen gespielt, um letztlich eine eigene Haltung daraus zu entwickeln. Das soll mir für meinen zukünftigen Blog ein Vorbild sein.

Installationsansicht Kippenberger
Installationsansicht Kippenberger
All artwork by Martin Kippenberger © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne
All artwork by Martin Kippenberger © Estate Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne
Brainstorming Blog
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